Impfpflicht Predigt

Ueber die Pflicht der Aeltern, ihre Kinder durch die Impfung … zu sichern.

Über den Nutzen oder die möglichen Gefahren einer Impfung machen sich die Menschen angesichts der Gefahren durch das Coronavirus viele Gedanken. Aber das Thema ist keineswegs neu.
Autor Wolfgang Komo schaut mehr als 200 Jahre zurück.

Rulemann Friedrich Eylert:
Ueber die Pflicht der Aeltern, ihre Kinder durch die Impfung der
Schutzblattern, gegen die natürlichen Pocken zu sichern.

Am 26.01.1806 hielt der Hammer Pfarrer Rulemann Friedrich Eylert in der Großen Kirche am Markt, der heutigen Pauluskirche, eine Predigt mit diesem Titel, die kurz darauf in gedruckter Form erschien. [1] Was war der Anlass dazu? Wieso geriet Impfen zum religiösen Thema?

1806: Auf der großen politischen Bühne steht Preußen (wozu Hamm gehört) im Konflikt mit Napoleons Frankreich, der mit der militärischen Niederlage Preußens in Schlacht von Jena und Auerstedt am 14.10.1806 sich zuspitzt.

Die Bevölkerung Europas leidet zu dieser Zeit seit längerem unter der Epidemie der Blattern (Pocken), einer durch Tröpfchen-Infektion beim Husten übertragenen Infektionskrankheit, an der in Europa jährlich 450.000, in Preußen 40.000 Menschen jährlich sterben. Wer die Krankheit überlebt, ist oft mit von Narben entstelltem Gesicht, Blindheit, Taubheit oder geistiger Verwirrung geschlagen. Besonders hart trifft die Infektion Kinder.

Der britische Arzt Edward Jenner hatte 1796 ein vorbeugendes Mittel gegen die Pocken gefunden: Er hatte einen Jungen mit den für Menschen ungefährlichen Kuhpocken geimpft, was ihn dann gegen die später versuchte Ansteckung mit Menschen-Pocken bewahrte. Mit diesem riskanten Experiment belegte er die Wirksamkeit der Impfung. [2]

Das neue Mittel rief nicht nur Begeisterung hervor, sondern auch Misstrauen und Skepsis. Um die Akzeptanz zu erhöhen, baten die preußischen Behörden in Hamm den Pfarrer Rulemann Friedrich Eylert [3], sich für die Impfung der besonders betroffenen Kinder einzusetzen.

ImpfpflichtEylert widerlegte in seiner Predigt vier geläufige Bedenken gegen die neuartige Impfung:

  • „Wer weiß, ob durch die Schutzblattern das Pockengift aus dem Körper gebracht wird und ob also nicht der Stoff zu anderen Krankheiten zurückbleibt?“ (20) – Aber Eylert teilt mir, dass „die einstimmigen Zeugnisse der erfahrensten Ärzte“ bestätigen, dass dem nicht so ist.
  • „Wer weiß, ob die Kinder nicht späterhin doch nicht an einer anderen Krankheit sterben?“ (20) – Aber Eylert argumentiert: Man soll Menschen so lange am Leben erhalten, wie man kann.
  • „Ich will mein Kind, das gesund ist, nicht vorsätzlich [durch die Impfung] krank machen.“ (21) – Eylert entgegnet: Impfung verursacht keine wirkliche Krankheit. Schon zuvor hatte Eylert darauf hingewiesen, dass der Hammer Medizinalrat Dr. Pröpsting dies durch eigene Versuche bestätigt habe, auch Eylert selber kenne einen Fall, der die Wirksamkeit der „Schutzblattern“ (Impfung) bewiesen habe. (18)
  • „Man darf Gott nicht vorgreifen.“ (21) Er allein bestimme die Länge des Lebens. – Eylert wendet ein: Gott gibt uns nichts Unmittelbares, sondern durch Mittel, vom Essen bis zur Religion. Menschen müssen von den Mitteln vernünftigen Gebrauch machen. Damit greift man Gott nicht vor. „Greift man Gott vor, wenn man zum Empfang seines Segens den Acker bestellt?“ Ähnlich müsse man auch das Impfen sehen.

Außerdem liefert Eylert drei Gründe, die seine Zuhörer motivieren sollen, ihre Kinder mit den sogenannten Schutzblattern impfen zu lassen:

  • Dankbarkeit gegenüber Gott kommt beim Nachdenken über das Thema auf: Die Menschen versagten beim Ausrotten der Blattern, sahen die Verbindung von Ursache und Wirkung nicht. Aber durch die Göttliche Vorsehung erhalten die Menschen vom Tier (Kuh) die Milch und jetzt die Schutzblattern. Daran kann man die göttliche Hand erkennen. Gerade im gegenwärtigen Zeitalter des Krieges wird ein solches Heilmittel gefunden. Dass jetzt Kinder vor Leid bewahrt bleiben, dafür schulden wir Gott Dank – und sind es schuldig, vom Rettungsmittel gewissenhaft Gebrauch zu machen.
  • Das gebietet uns auch die Liebe zu den Kindern. Sie soll keine (rein) sinnliche sein, sondern eine „durch Religion geheiligte, von Vernunft, Ernst und Erfahrung geleitete, durch christliche Grundsätze befestigte“ sein.
  • „Auch die Liebe, die wir nach den Gesetzen der Religion und der Natur unseren Nebenmenschen schuldig sind, macht es uns zur dringenden Pflicht, von dieser Wohltat ohne Aufschub Gebrauch zu machen.“ Wer sich der Impfung verweigert und die Krankheit dadurch an andere verbreitet, versündigt sich. Deswegen behandeln einige Landesregierungen solche Leute als Verbrecher. Die preußische Regierung setzt aber auf Vernunft und guten Willen der Untertanen und ihr Handeln aus eigener Überzeugung. (23-30)

Eylert schließt seine Predigt mit der Mahnung:

Wir sollten dafür sorgen, dass wir uns nicht später Vorwürfe machen müssen, nicht das Richtige für unsere Kinder getan zu haben. Man solle jetzt handeln, da der Impfstoff in der Stadt vorhanden sei.

Um den religiösen Charakter der Predigt noch einmal zu betonen, endet die Predigt mit einem Kirchenlied:

„So laß mich denn mit Sorgfalt meiden;
Was meines Körpers Wohlseyn stört;
Daß nicht, wenn seine Kräfte leiden,
mein Geist den innern Vorwurf hört:
Du selbst bist Störer Deiner Ruh‘:
Du zogst Dir selbst Dein Uebel zu.“ (34)

[1] Rulemann Friedrich Eylert: Ueber die Pflicht der Aeltern, ihre Kinder durch die Impfung der Schutzblattern, gegen die natürlichen Pocken zu sichern. Eine Predigt von R. Eylert, dem Jüngeren, Prediger der ref. Gemeine [sic!] zu Hamm. Gehalten den 26ten Januar 1806 auf Befehl der hochlöblichen Königlich-Preußischen Märkischen Kriegs- und Domain-Kammer, und von derselben zum Druck befördert. Münster o. J. (36 Seiten) (https://sammlungen.ulb.uni-muenster.de/hd/content/titleinfo/2504431)

[2] Die Impfung mit Kuhpocken nannte er Vaccination von lat. vacca = die Kuh. Das Wort wurde später für Impfungen allgemein verwendet; ein Impfstoff wird auch heute als Vakzin (engl. vaccine) bezeichnet.

[3] Rulemann Friedrich Eylert ( 1770 – 1852), Pfarrer in Hamm (1794 – 1807), vom preußischen König als Hofprediger an den Hof in Potsdam berufen (1807), Bischof und Mitglied des Preußischen Staatsrates (1818), arbeitete maßgeblich mit an der Vereinigung der reformierten und der lutherischen Kirche zur Preußischen Union. Nach ihm wurde die Eylert-Straße in Hamm benannt.

[4] Den Hinweis auf die Existenz dieser Predigt und weitere Informationen zu ihrem Hintergurnd verdanke ich Maria Perrefort, Hamm in Flammen. Johann Bernhard Stuniken und die Stadtbrände, Hamm 2019, S. 120f

Anm. d. Red.
Der Text dieser Predigt ist 36 Seiten lang. Einen Eindruck liefert das folgende Inhaltsverzeichnis. Wolfgang Komo hat den Inhalt für uns freundlicherweise komprimiert.

Inhaltsverzeichnis im Detail

Inhalt Seite
Hinführung
Lied: „Wie groß, o Gott, ist Deine Güte…“ 3
die Erfahrung: Jedes Leiden führt seine Hilfe mit sich 3
– für die geistigen und seelischen Leiden gibt es die Religion 4
– auch für die körperlichen Leiden hat die Vorsehung Hilfe 4-5
– dies gilt v.a. für die Schutzblattern (= Pockenschutzimpfung) für Kinder angesichts der Blattern-Ausbreitung 5-6
– Kinder davor zu bewahren ist religiöse Pflicht. Dank an Gott für diese Möglichkeit. 7
1. Beleg: Lied: „Was ist der Leib – er ist ja Dein; /Sollt ich denn sein Zerstörer sein?“ 8
2. Beleg: JesSir 38: Ehre den Arzt, denn der Herr hat ihn geschaffen. / Die Arznei kommt vom Höchsten 9
Die Menschheit macht immer weitere Fortschritte im Kennenlernen der Natur. Früher gab es nur eingeschränkte Kenntnis bei den Heilmitteln, dennoch rät das AT (Sir) zur Achtung der Ärzte. 9f
Umso mehr können wir von den „Schutzblattern“ sagen: „Der Herr hat sie uns geschenkt…“ 11
Argumentation
Zur Verdeutlichung der Überzeugung soll die Impfung der Kinder als religiöse Pflicht betrachtet werden in zwei Schritten:

I. Dankbarer Blick auf die Wichtigkeit der Impfung
II. Pflicht zum sofortigen Handeln

11f
zu I. Die Wichtigkeit der Wohltat der Impfung wird deutlich, weil

  1. das Leiden durch die Blattern unbeschreiblich war
  2. die Schutzblattern (Impfung) dem Leiden ein Ende machen
  3. ihre Wirksamkeit durch die Erfahrung bestätigt ist
  4. alle Einwände unbegründet sind
12
ad a) 450.000 Menschen starben jährlich an Blattern in Europa, 40.000 in Preußen. Wer genesen war, hatte ein entstelltes Gesicht oder Verlust der Sinneswahrnehmung oder der geistigen Kräfte (Blindheit, taubheit, Hirnschäden). Beispiel-Zitat aus „Die Kinderwelt“ von F. A. Krummacher. 12-14
ad b) Das Finden der „Schutzblattern“ (durch Jenner aus GB) machte dem Leiden ein Ende. – Das Gegengift stammte vom Tier. Viele Versuche haben die Wirkung bestätigt. Der preußische König empfiehlt daraufhin die Anwendung. 15-17
ad c) Die Erfahrung bestätigt, dass die Schutzblattern

  • nur kleine Unpässlichkeiten bringen (statt großer Schmerzen wie bei den Blattern)
  • die Schönheit des Gesichts nicht zerstören (wie die Blattern)
  • eine nachteiligen Folgen haben (statt Blindheit, Lähmung etc.)
  • keiner an ihnen starb
    Außerdem gibt es unzählige Versuche, auch die von Dr. Pröbsting aus Hamm und Beispiele aus Eylerts eigener Erfahrung.
17-19
ad d) Neues regt zum Widerspruch an. Aber dagegen spricht die Erfahrung.

  • „Liefern die Schutzblattern nicht Stoff zu anderen Krankheiten?“ – die Erfahrung lehrt Anderes.
  • „Die Kinder sterben doch später an einer anderen Krankheit.“ – aber: Man soll Menschen so lange am Leben erhalten, wie man kann.
  • „Ich will mein Kind nicht vorsätzlich (durch die Impfung) krank machen.“ – aber: Impfung verursacht keine wirkliche Krankheit.
  • „Man darf Gott nicht vorgreifen.“ Er bestimmt die Länge des Lebens. Aber: Gott gibt uns nichts Unmittelbares, sondern durch Mittel, vom Essen bis zur Religion. Menschen müssen von den Mitteln vernünftigen Gebrauch machen. Damit greift man Gott nicht vor. „Greift man Gott vor, wenn man zum Empfang seines Segens den Acker bestellt?“ (als Beispiel)
19-22
zu II. Alle Eltern sollten ihre Kinder durch die Schutzblattern gegen die Gefahr der natürlichen Pocken sichern.
Die Gründe:
23
  • Dankbarkeit gegenüber Gott kommt beim Nachdenken über das Thema auf: Die Menschen versagten beim Ausrotten der Blattern, sahen die Verbindung von Ursache und Wirkung nicht. Aber durch die Göttliche Vorsehung erhalten die Menschen vom Tier (Kuh) die Milch und jetzt die Schutzblattern. Daran kann man die göttliche Hand erkennen. Gerade im gegenwärtigen Zeitalter des Krieges wird ein solches Heilmittel gefunden. Dass jetzt Kinder vor Leid bewahrt bleiben, dafür schulden wir Gott Dank – und sind es schuldig, vom Rettungsmittel gewissenhaft Gebrauch zu machen.
23-26
  • Das gebietet uns auch die Liebe zu den Kindern. Sie soll keine (rein) sinnliche sein, sondern eine „durch Religion geheiligte, von Vernunft, Ernst und Erfahrung geleitete, durch christliche Grundsätze befestigte“ sein.
26-28
  • „Auch die Liebe, die wir nach den Gesetzen der Religion und der Natur unseren Nebenmenschen schuldig sind, macht es uns zur dringenden Pflicht, von dieser Wohltat ohne Aufschub Gebrauch zu machen.“ Wer sich der Impfung verweigert und die Krankheit dadurch an andere verbreitet, versündigt sich. Deswegen behandeln einige Landesregierungen solche Leute als Verbrecher. Die preußische Regierung setzt aber auf Vernunft und guten Willen der Untertanen und ihr Handeln aus eigener Überzeugung.
28-30
Schlussworte
Wir sollten dafür sorgen, dass wir uns nicht später Vorwürfe machen müssen, nicht das Richtige für unsere Kinder getan zu haben. Aufruf zum Handeln, d.h. zur Impfung, da der Impfstoff in der Stadt jetzt vorhanden ist. 31-33
Abschluss: Lied: „Gesunde Glieder, muntre Kräfte / o Gott, wie viel sind die nicht werth!“ 33-34

Bilder: Pfarrer Eylerts Predigt als Druckausgabe.
Quelle: Universitäts- und Landesbibliothek Münster

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