Paul Otto Samuelsdorf

Paul Otto Samuelsdorff – Nachruf

Der letzte aus der Holocaust-Generation
Der Sprachwissenschaftler Paul Otto Samuelsdorff stirbt im Alter von 97 Jahren

VON JÖRN FUNKE

Hamm/Köln – Dr. Paul Otto Samuelsdorff galt als Sprachen-Genie: Deutsch war seine Muttersprache, Hebräisch lernte er als Kind. Englisch und Französisch kamen dazu. Und dann: Arabisch, Irvit, Kikuyu, Polnisch, Russisch, Spanisch, Suaheli, Türkisch, Ungarisch. Im August ist der Sprachwissenschaftler im Alter von 97 Jahren in Köln gestorben. Er war der letzte Hammer Jude der Holocaust-Generation.

Samuelsdorff wurde 1923 in einer jüdischen Juristen-Familie hineingeboren. Sein Vater Erich war Rechtsanwalt und Notar, seine Mutter Rose unterrichtete Französisch. Die sechsköpfige Familie lebte in einer Villa am Ostring. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten änderte 1933 alles. Zwar tasteten die
neuen Machthaber Dr. Erich Samuelsdorff als hochdekorierten Frontoffizier des Ersten Weltkriegs zunächst nicht an, doch die Familie ahnte, was kommen sollte und beschloss, Deutschland zu verlassen.

Paul Otto und sein Bruder wurden bereits 1933 auf ein britisches Internat geschickt, die restliche Familie wanderte 1936 nach Palästina aus. Samuelsdorff legte 1942 in Jerusalem die Abiturprüfung ab, trat in die britische Armee ein und wurde in Afrika stationiert. Von 1946 bis 1951 folgte der Dienst in der israelischen Armee, für die er als Sanitäter am ersten israelisch-arabischen Krieg teilnahm. Doch der Zionismus war nicht seine Sache.

1956 kehrte Samuelsdorff nach Deutschland zurück. Sein Vater hatte den Schritt bereits zwei Jahre zuvor gemacht und war wenige Monate nach seiner Rückkehr in Hamm gestorben. Für den Sohn wurde Köln der neue Lebensmittelpunkt. An der dortigen Universität nahm er ein Slavistik-Studium auf und
promovierte 1962 über sowjetische Sprachphilosophie. Er brachte es am Institut für Linguistik in Köln zum Akademischen Oberrat und lehrte zwischenzeitlich auch in Austin (Texas), Lissabon und
Nairobi. Samuelsdorff interessierte sich früh für die Vermittlung von Programmiersprachen und zählte zu den Pionieren der Computerlinguistik.

Den Kontakt zu seiner Heimatstadt Hamm nahm Samuelsdorff Ende der 1980er Jahre wieder auf, als die Stadt jüdische Bürger zu Wiedersehenstreffen einlud. Er reiste fortan regelmäßig zur Woche der Brüderlichkeit nach Hamm. Sein Anliegen seien die Versöhnung zwischen Juden und Deutschen sowie der Dialog zwischen Israelis und Palästinensern gewesen, sagen Doris Prüß-Böhmer (Arbeitskreis
Woche der Brüderlichkeit) und Mechtild Brand (Verfasserin des Standardwerks über die Hammer Juden),
die zuletzt den Kontakt zu Samuelsdorff hielten. In einem Kölner Altenheim ist Dr. Paul Otto Samuelsdorff am 18. August gestorben. Er wurde in Köln beigesetzt.

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Herrn Jörn Funke, Westfälischer Anzeiger, Hamm.

Beitragsbild: Dr. Paul Otto Samuelsdorff