Buch NS-Verfolgte in Hamm Dr. Maria Perrefort

Maria Perrefort stellt Buch über NS-Verfolgte in Hamm vor

Berichterstattung im Westfälischen Anzeiger vom 24.10.2024.
Wir danken für die Veröffentlichung und die Genehmigung der Wiedergabe.


Mehr als 1300 Menschen sind in Hamm und Umgebung im „Dritten Reich“ von den NS-Machthabern verfolgt worden. Die Historikerin Dr. Maria Perrefort hat für ein vorzügliches Gedenk- und Dokumentationsbuch 1391 Biografien recherchiert. Den ersten Band mit politisch und religiös Verfolgten stellte sie am Dienstag vor, ein zweiter mit jüdischen Opfern soll folgen, allerdings „nicht vor 2026“. Die hohe Opferzahl habe sie selbst
überrascht, sagt die Historikerin.

Perrefort war von 1993 bis 2023 Kuratorin für Stadt- und Regionalgeschichte im Gustav-Lübcke-Museum. Den Auftrag zum Gedenkbuch bekam sie vom Kulturausschuss; nach ihrer Pensionierung setzt sie die Arbeit daran fort. In dem 392-Seiten-Werk hat sie die NS-Opfer nach Gruppen geordnet, mit Einführungen und Kurzbiographien. Ermöglicht wurde das Werk durch Museum, Museums- und Geschichtsverein, die Buchhandlung Holota und Bürgerspenden.

Auf das Thema sei sie über Umwege gekommen, erzählte Perrefort bei der Präsentation. Bei einer Ausstellung im Museum zur Sportgeschichte 2006 sei sie auf eine kommunistische Radsportgruppe in Herringen aufmerksam gemacht worden – und auf deren Verfolgung unter den Nationalsozialisten. „Herringen war voller
,Roter‘“, sagt Perrefort. „Und die kamen massenhaft ins Konzentrationslager.“ Das KZ war in diesem Fall in
Bergkamen-Schönhausen, also „direkt vor der Hammer Haustür“, wie die Historikerin ausführt. Es existierte von April bis Dezember 1933. Regimegegner wurden dort gequält und gefoltert, sagt Perrefort. In vielen
Fällen von Hilfspolizisten aus SA und SS.

Perrefort widmet sich auch Opfergruppen, die bisher nicht im öffentlichen Fokus standen. Die Zeugen Jehovas sind so ein Fall. Oder die „Asozialen“, häufig Kleinkriminelle, Obdachlose und Prostituierte. Sie seien schon durch die Begrifflichkeit kriminalisiert worden, sagt die Historikerin. Und sie blieben nach Kriegsende meist ohne Entschädigung und Wiedergutmachung. Ein besonderer Blick gilt in den Kapiteleinleitungen auch den Tätern aus NS-Organisationen, Polizei und Justiz – zu ihnen war in vielen Fällen noch weniger bekannt
als zu ihren Opfern.

Perrefort hat ihre Erkenntnisse aus dem Studium nicht zuletzt zahlreicher Entschädigungsakten, sie war im Hammer Stadtarchiv, im Münsteraner Staatsarchiv sowie den Kreisarchiven von Coesfeld, Unna und Warendorf. Museumsdirektor Thomas Schmäschke und Kulturausschuss-Vorsitzende Monika Simshäuser würdigten Perreforts Engagement und Werk als beispielhaft. Gerade vor dem Hintergrund autoritärer Tendenzen in Politik und Gesellschaft sei ein Rückblick wichtig. Das Buch ist in 500 Expemplaren gedruckt, es soll allen weiterführenden Schulen in Hamm zur Verfügung gestellt werden. JÖRN FUNK

Das Buch
Maria Perrefort: Die NS-Verfolgten in Hamm. Gedenk- und Informationsbuch. Bd. I.
Politisch und religiös Verfolgte, Gelegenheitsoppositionelle, „Asoziale“ und Vorbestrafte. Hamm: Gustav-Lübcke-Museum 2024. 392 Seiten. 27 Euro. Erhältlich im Gustav-Lübcke-Museum, Neue Bahnhofstraße 9, und in der Buchhandlung Margret Holota, Weststraße 11.

Das Beitragsbild von Andreas Rother zeigt Dr. Maria Perrefort (Vierte von links) und ihren Unterstützer*innenkreis. Wir danken für freundliche Überlassung.